Andere Radler
Man trifft immer mal wieder Leute die mit dem Rad unterwegs sind. Je weiter man sich allerdings von der Ringstrasse entfernt, desto unwahrscheinlicher wird es. In den Westforden haben wir nur einmal ein englisches Pärchen getroffen, das uns entgegen kam. Auf der Ringstrasse sind wir dafür teilweise zu viert oder fünft gefahren. Man sollte jedoch bedenken, dass gerade viele Alleinreisende nach Island gekommen sind, um allein zu sein. Es sollte also darauf geachtet werden, ob jemand Gesellschaft möchte oder nicht. Dabei gibt es durchaus einige, die eigentlich allein unterwegs sind, sich aber immer wieder einer Gruppe anschliessen.
Überhaupt sollte man nicht zu viel erwarten. Trifft man sich unterwegs, wird man sicherlich einen Plausch halten, sich ein bisschen austauschen über das was bereits bewältigt ist und was noch kommt. Trifft man sich aber auf einem Campingplatz, sollte man nicht zu enttäuscht sein, wenn keine Lagerfeuerromantik aufkommt, weil sich der Kollege lieber in sein Zelt verzieht. Es sind eben viele Reisende auf Island unterwegs, die lieber als einsamer Wolf unterwegs sind. Zu welcher Kategorie der Mitradler gehört, zeigt sich aber recht schnell. Wir haben solche und solche getroffen. Teilweise sind wir viele Kilometer in kleinen Gruppen gefahren, andere haben sich im ersten „Morgengrauen“ (gibt es ja eigentlich nicht) auf das Fahrrad geschwungen und wurden nie mehr gesehen.
Am ehesten trifft man sich wahrscheinlich am Flughafen nach der Ankunft, an der Blauen Lagune oder in Reykjavik auf dem Campingplatz. Ansonsten ist die Ringstrasse und die dortigen Campingplätze auch ein möglicher Treffpunkt (z.b. Borganes, Sellfoss, Akureyri,...).
Wer auf abgelegenen Strassen unterwegs ist, sollte sich nicht darauf verlassen, dass schon ein Radler vorbeikommt, wenn man mal Hilfe am Fahrrad braucht. Dann lieber von einem Autofahrer mitnehmen lassen. Die Isländer fahren häufig schwere Geländewagen oder Pick-Ups, so dass man auch mit Fahrrad mitgenommen werden kann (theoretisch, ausprobiert haben wir es nicht).
Die Westfjorde werden von Radlern ziemlich wenig frequentiert. Uns ist dort unterwegs niemand begegnet, erst als wir vom Eyrarfjall herunterkamen, also in den letzten Fjord des Isafjördurs, begegnete uns ein englisches Päarchen. Sie schoben die Piste herauf und wir unterhielten uns kurz. Das waren aber auch schon alle Begegnungen in den Westfjorden mit Radlern die wir hatten.
Straßenverhältnisse
Die Strassenverhältnisse können jederzeit live im Internet abgerufen werden (www.vegag.is) Dort ist der Strassenzustand angegeben. So kann man bis zum letzten Tag vor der Tour die Route planen, denn gerade die Hochlandrouten werden oft erst Ende Juni / Anfang Juli freigegeben.
Grundsätzlich sind Strassen, die asphaltiert sind, von besserer Güte als asphaltierte Strassen in Deutschland. Schlaglöcher sind extrem selten. Wo es Asphalt gibt, ist er in Ordnung. Die Karten geben Auskunft, wo asphaltiert ist und wo nicht.
Problematischer wird es, wenn der Schotter beginnt. Das kann gut gehen, es kann aber genausogut sein, dass man auf eine wirklich üble Piste gerät. Da sich die Beschaffenheit vermutlich auch von Saison zu Saison verändert, kann man kaum wirklich vorwarnen. Die meisten Schotterpisten sind aber letztlich ganz gut zu fahren. Die Geschwindigkeit wird natürlich gedrosselt und das Bergabfahren ist auch nicht so spassig. Sicher ist aber, dass jede Strasse (Hochlandpisten ausgenommen) mit dem Fahrrad befahrbar ist. Zusätzlich werden die Strassen jedes Jahr besser. Wer also wirklich noch ursprüngliche Pisten erleben will, muss sich beeilen. In einigen Jahren wird der grösste Teil asphaltiert sein und es werden vermutlich weitere Tunnel hinzukommen.
Denn eines muss man sicherlich feststellen: der Reiz Islands liegt in der Ursprünglichkeit. Die geht mit der zunehmenden Erschliessung aber etwas verloren. Deswegen sollte jeder, der nach Island will, so schnell wie möglich fahren. Sonst bleibt irgendwann nur noch das Hochland. Und dort Fahrrad zu fahren ist nicht nach jedermanns Geschmack.
Beim Thema Übung sei angemerkt, dass man zu Hause in den drei Monaten vor der Reise unbedingt mindestens 1.500 km zur Vorbereitung fahren sollte, und zwar nach Möglichkeit mit Gepäck und auf schlechteren Pisten. Ein bisschen Training im Wald, auf Schotter und Modder ist ebenfalls empfehlenswert, um das Fahren und Bremsen auf diesen Untergründen zu beherrschen. Wer das nicht übt oder bereits beherrscht, wird auf den Strasse Islands Lehrgeld zahlen. Das kann mit blauen Flecken ausgehen, genausogut aber auch mit einem gebrochenen Arm oder Schaltwerk. Dann ist die Tour zu ende. Es reicht in jedem Fall nicht aus, 10.000 km auf topfebener Strecke ohne Wind abzuspulen. Lieber kilometermäßig ein bisschen weniger, dafür aber ein bisschen intensiver trainieren.
Ein anderes Thema sind die Autos. Grundsätzlich rechnet ein Isländer nicht mit Radfahrern. Er weiss auch nicht, was er machen soll, wenn er einen trifft. Im Zweifel wird er, wenn er entgegenkommt, ganz weit auf seine Seite rüberziehen. Das ist grundsätzlich nicht schlecht, produziert auf Schotterpisten aber durch den losen Rand riesige Staubfahnen. Selbst wenn man die ausgefahrene Spur frei lässt, indem man selbst ganz weit rechts fährt, wird der Isländer immer mitten durch den Dreck fahren. Dann macht man die Augen zu und fährt ein paar Sekunden blind weiter. Überholende Autos haben zwei Taktiken. Entweder mit Vollgas und ohne Rücksicht auf Verluste überholen (isländische Geländewagen können auf den Pisten Vollgas fahren) oder aber ganz langsam werden, und (bevorzugt an Steigungen) neben den Radfahrern herfahren und die Irren eine Weile bestaunen. Häufiger ist die Vollgas-Variante. Dann fliegt der Staub (komischerweise keine Steinchen). Vor allem die Überraschung kann einen schon ins Wanken bringen. Man sollte also etwas hart im Nehmen sein. Zum Glück sind Autos jenseits der Ringstrasse recht selten (so alle fünf bis zehn Minuten eins, manchmal auch nur alle halbe Stunde). Man kann sich also arrangieren. Aber die fehlende bzw. falsche Rücksicht können gelegentlich schon nerven.
Auf vielen Pässen finden sich oben Schutzhütten. Die älteren sind echte Hütten, mit bis auf den Boden heruntergezogenen Dächern. Die neueren entsprechen den Biwakschachteln, wie man sie auch aus den Alpen kennt. Sie sind kleiner als die Hütten, und bestehen aus einer Kunststoffhülle und einem spartanischen Inneren. Die Schutzhütten sind immer unverschlossen, können also jederzeit aufgesucht werden. Sie bieten Liegen, Tische u.ä. Allerdings lässt der Zustand zunehmend zu wünschen übrig. Die Holzhütten sind meist schon recht alt und leider damit auch ziemlich dreckig, teilweise ist auch das Mobiliar kaputt. Die Biwakschachteln sind meist neuer und in besserem Zustand. Doch auch hier ist der Zustand selten so, dass man dort ernsthaft übernachten wollte. Die Vernachlässigung der Schutzhütten hat wohl damit zu tun, dass die Fahrzeuge zunehmend geländegängiger werden, die Wettervorhersagen präziser werden und auch der Flugverkehr zunimmt. Die Schutzhütten sind also einfach nicht mehr so wichtig, wie sie es früher mal waren.
Die Qualität einer Strasse kann man übrigens in etwa an ihrer Nummer ablesen. Einstellige Strassen sind meist sehr gut, weil Hauptstrassen. Zweistellige Nummern deuten auf Nebenstrassen hin, die von wechselnder Qualität sind. Dreistellige Zahlen stehen für Sekundärstrassen. Diese sind von schlechter Qualität. Strasse ohne Zahlen sind Jeeptrails, die für (beladene) Fahrräder kaum noch zu befahren sind.
Die in der Übersicht angegebenen Durchschnittsgeschwindigkeiten sind für mitteleuropäische Verhältnisse sehr niedrig. Für Island allerdings sind sie sehr typisch. Entlang der Ringstrasse fallen die Geschwindigkeiten etwas höher aus und sind stark abhängig von den Wetterverhältnissen. Abseits der Ringstrasse fallen die Durchschnittsgesschwindigkeiten in der Regel irgendwo um die 15 km/h Marke aus. Daran kann man wohl auch nichts Grundsätzliches ändern, denn Wind, Regen und Strassenzustand sind einfach nicht zu ändern. Diese Tatsache sollte man bei der Tourenplanung unbedingt berücksichtigen.
Die Pässe übrigens darf man sich nicht alle so vorstellen, wie die in den Alpen. Es gibt zwar durchaus solche Pässe, bei denen man den höchsten Punkt erreicht und es sofort wieder bergab geht. Genauso gibt es aber eine ganze Reihe Pässe, die erst eine mehr oder weniger kleine Hochebene durchqueren, bevor es wieder dem Tale entgegen geht. Bevor man da hochfährt sollte man also auf das Wetter achten und dann entscheiden, ob man fährt. Solche Pässe findet man in den Alpen nämlich eher selten, auch wenn es dort höher hinauf geht.
Wetterverhältnisse
Das ewige Thema. Wer nach Island kommt, muss auf alles vorbereitet sein. Über die aktuelle Wetterlage kann man sich unter www.vegag.is informieren.
Im Winter schneit es, im Sommer auch. Manchmal zumindest, wenn man etwas höher kommt. Die Berge sind immer schneebedeckt, Regenwolken treiben immer vom Atlantik heran. Wie das Wetter im einzelnen aussieht, hängt dabei stark von der Geographie ab. Auf der einen Seite des Berges kann es anders aussehen als auf der anderen Seite des selben Berges.
Wir selbst hatten viel Glück und erlebten eine der schönsten Schönwetterperioden der letzten Jahre mit. Temperaturen die zum Sonnenbaden einladen sind sonst auf Island, auch im Sommer, eher selten. Die Temperaturen steigen selten über 15-20°C. Trotzdem kann man Glück haben, sollte sich aber lieber auf das Gegenteil einstellen. Genausogut kann man nämlich Temperaturen unter 0°C antreffen. In den südlichen Teilen der Insel ist das vielleicht noch eher unwahrscheinlich, aber im Norden, auf den Pässen und teilweise auch in den Fjorden, muss auch im Sommer mit allem rechnen. Wer also für alles gerüstet ist, wird mit dem Wetter kein Problem haben. Wer aber wasserscheu ist und die Sonne liebt, sollte vielleicht besser einen anderen Teil der Welt aufsuchen, auch wenn die Sonne auf Island im Sommer 24 h scheint.
Das tut sie übrigens eine ganze Weile lang. Während unsers Aufenthaltes ist sie nie untergegangen. Ende Juli verschwindet sie aber bereits wenigstens für eine kurze Weile.
In der Nacht sinken die Temperaturen etwas ab. Wie weit ist aber vor allem davon abhängig, wie hoch man sich befindet. Wer im Hochland unterwegs ist, sollte nicht überrascht sein, wenn das Zelt morgens von überfrorenem Regen oder Schnee bedeckt ist. Das kann an der Küste zwar auch passieren, ist aber wesentlich unwahrscheinlicher. Trotzdem kann es mal vorkommen, dass man bei der Auffahrt auf einen Pass ein schönes Fleckchen zum Campen entdeckt und so unversehns doch einige hundert Meter hoch campiert. Deshalb sollte man auf jeden Fall auf Temperaturen um und knapp unter dem Gefrierpunkt eingestellt sein. Ein sicheres Indiz dafür ist auch der Schnee, der überall auf den Bergen liegt. Auf den Pässen finden sich auch immer wieder Schneefelder unmittelbar neben der Strasse. Also lieber etwas vorsorgen.
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