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Rohloff Speedhub 514

Seit Anfang Februar 2006 bin ich stolzer Besitzer einer Rohloff Speedhub. Ich habe sie in mein Rad nachträglich einbauen lassen und habe damit also die Kettenschaltung ersetzt. Warum man das macht? Hm, einfache Frage, aber schwierig zu beantworten. Denn der Sachverhalt wird durch einige Fakten deutlich verkompliziert. So ist die Speedhub z.B. ziemlich schwer, der Wirkungsgrad umstritten und der Preis exorbitant. Offensichtlich bin ich aber ja zu dem Ergebnis gekommen, dass es sich für mich in jeder Hinsicht lohnen würde. Gehen wir die Themen mal systematisch an.

Rahmenbedingungen

Das fragliche Rad ist ein "organisch" gewachsenes Rad. Von dem Rad, das ich ursprünglich mal gekauft hatte, ist nicht mehr viel übrig. Rahmen, Gabel, Sattel, etc. waren alle irgendwann verschlissen und wurden entweder auf Garantie ausgetauscht (der Rahmen von Rose) oder von mir erneuert. Aktuell fahre ich mit dem Rad etwa 7.000 km pro Jahr, bei jedem Wetter. Dadurch bin ich recht gut im Training und fahre entsprechend schnell. Den Großteil der Strecke fahre ich auf dem Weg zur und von der Arbeit, d.h. eine gewisse Zuverlässigkeit und "Wartungsfreiheit" ist wichtig. Zum einen Kosten Reparaturen unterwegs Zeit, zum anderen sind sie häufig eine ziemliche Sauerei. Das möchte ich mir doch ersparen. Hinzu kommt, dass Reparaturen und Verschleiß natürlich auch Geld kosten.

Wirtschaftlichkeit

Rechnet sich eine Speedhub? Rechnerisch irgendwann: ja. In der Realität: wahrscheinlich nicht. Der Einbau meiner Speedhub hat, inkl. Rohloff Bremsscheibe, Rohloff Kette SLT 99, Kettenspanner, Speedbone, Felge Rigida ZAC 2000, DT Swiss Speichen und eines Shimano 46t Kettenblatt knapp 1.250,- EUR inkl. Montage gekostet. Kauft man das Dingen mit einem neuen Rad, kommt man für unter 1.000,- EUR weg. Die 1.000,- EUR Differenz gelten aber schon zu einem Rad, das in der Standardvariante mit ordentlichen Komponenten (LX/XT-Niveau) ausgestattet ist. Den Aufpreis für die Speedhub kann man also nur über geringeren Verschleiß ausgleichen. Hier kommen in Frage die Kassette, die Kette, das Kettenblatt, das Schaltwerk und der Umwerfer. Wenn man wirklich hart ran geht und das Bike nicht schont, hält keine der genannten Komponenten länger als 15.000 km. Die Kette noch viel weniger, es sei denn man putzt sie jeden Tag fein säuberlich. Aber trotzdem, bis man damit 1.000,- EUR eingespart hat, ist es ein weiter weg. Zumal ja auch die Speedhub mal Ersatzteile benötigt. Bei mir ist ja z.B. wegen des Standardrahmens auch ein Kettenspanner eingebaut. Wie lange der hält muss sich zeigen. Die Kette hat jetzt, nach 8 Monaten, knapp 5.000 km runter und zeigt keinen Verschleiß. Das Kettenblatt allerdings ist wegen eines Montagefehlers (zu geringe Spannung auf dem Kettenspanner und keine Kettenführung eingebaut) bereits defekt. Kostenpunkt für ein TA Specialities 46t Kettenblatt: 39,- EUR. Der Unterhalt einer Speedhub ist günstiger, wird aber meiner bisherigen Erfahrung die Kosten erst nach langer Zeit amortisieren. Allerdings: eine Speedhub kann 100.000 km alt werden, es bleibt also die Hoffnung. :-)

Wartungsfreiheit

Also: wir reden über ein Fahrrad. Da ist immer alles in Bewegung und jedes Teil ist Belastungen ausgesetzt. Jedes Teil muss gewartet werden, sogar der Rahmen (einfach mal nach Haarrissen suchen, da kann man erschreckende Entdeckungen machen ...). Wartungsfreiheit gibt es also nirgendwo. Nicht bei einem Fahrrad! Wir reden hier also viel mehr über Wartungsintensität. Und da hat die Speedhub einer Kettenschaltung alles voraus. Die Kette unterliegt keiner Seitwärtsbewegung, es treten also keine Scherkräfte auf. Sand in der Kette, wie der bei Regenfahrten unweigerlich auftritt, kann dadurch lange nicht so stark angreifen. Nach dem Regen ein paar Tropfen Öl auf die Kette und das wars. Das ganze hält auch viel länger. 10.000 km für die Kette sind m.E. zu erwarten. Die Schaltung muss in der Regel nicht eingestellt werden. Wer das mal bei einer Kettenschaltung gemacht hat, der weiß was 1. WartungsINTENSITÄT und 2. Frustrations(in)toleranz heißt. Kettenschaltung ohne vorherige penible Säuberung: vergiss es! Dadurch dass die Kette nur zur Kraftübertragung zum Einsatz kommt, springt sie auch nicht ab (z.B. wegen einer falsch eingestellten Schaltung). Das allerdings funktioniert alles nur, wenn die Speedhub absolut perfekt montiert wurde. Das betrifft gar nicht so sehr den Sitz im Rahmen, sondern tatsächlich so Details wie die Kettenspannung. Anders als bei einer Kettenspannung muss ein eventuell montierter Kettenspanner 30° nach vorne zeigen, NICHT nach hinten. Außerdem muss in diesem Fall vorne auch zwingend eine Kettenführung installiert sein. Bei mir war beides unberücksichtigt geblieben und hat dazu geführt, dass die Kette gerne mal abgesprungen ist. Fehler der Werkstatt. Hab ich jetzt aber raus und werde umrüsten. Ich hoffe, dass es dann klappt. Also, die Wartungsintensität spricht klar für die Speedhub!

Effizienz

Schwieriges Thema. Es gibt meines Wissens keinen unabhängigen Vergleich. Wäre aber ohnehin sinnfrei, weil die Praxis viel komplexer ist. Eine perfekt gewartete Kettenschaltung, perfekt eingestellt und abgeschmiert ist ganz sicher effizienter als die Speedhub. Aber wann ist das in der Praxis schon mal der Fall, außer bei den Schönwetter-Radfahrern? Mein Rad ist jeden Tag draußen, erlebt Wind und Dreck und keine Wartung. Die wäre bei einer Kettenschaltung aber nötig, denn Kettenschaltung sind nur - und nur! - für den Rennbetrieb gebaut. Entweder für das Mountainbike oder für das Rennrad. Da kommen diese Schaltungen her! Eine Runde drehen, dann zerlegen, putzen, einstellen. Für den Alltag war diese Schaltung ursprünglich gar nicht gedacht, denn ohne das putzen-und-einstellen-Ritual funktionieren Kettenschaltungen nicht dauerhaft vernünftig. Bei mir hat immer irgendwas an irgendwas geschabt oder geschliffen. Irgendwelche Gänge (insbesondere vorne) gingen immer nicht rein. Das ist dann einfach schlecht. Die Speedhub hat hier kein Problem. Eine dreckige Kette hinterlässt natürlich auch hier Spuren bei der Kraftübertragung. Aber es lassen sich trotzdem alle Gänge präzise nach Bedarf erreichen, ohne Schleifen etc. Wichtig ist aber natürlich bei der Speedhub, dass man sich überlegt, in welchem Gang man am meisten fährt. Die Entfaltung (bei der Kettenschaltung: Zähnezahl Kettenblatt dividiert durch Zähnezahl Ritzel multipliziert mit dem Radumfang in Metern) sollte dann bei der Speedhub im 11 Gang liegen. Das ist der effizienteste Gang, da hier das Getriebe im geringsten Umfang mitläuft. Beeinflussen lässt sich dies über die Kombination aus Kettenblatt und Ritzel. Die genaue Formel gibt es bei Rohloff auf der Website. Es lohnt sich, hier ein paar Gedanken zu machen. Sonst liegt der Lieblingsgang nachher in dem Bereich, der am meisten Kraft im Getriebe verliert.

Ich würde eine Speedhub nicht für Rennräder empfehlen (hab ich auch drüber nachgedacht, aber gelassen). Ein Rennrad kann man ordentlich warten, so dass man die optimale Kraftübertragung gewährleisten kann. Bei einem Alltagsrad funktioniert das nicht, deshalb hat die Speedhub hier zumindest keine gravierenden Nachteile.

Komfort

Das Schalten mit der Speedhub ist einfach praktisch. Auch im Stehen klappt vorzüglich und auch unter Last. Gerade wenn man mit einem Anhänger, z.B. für die Kinder, unterwegs ist, ist das enorm komfortabel. Am Berg oder beim Start an der Ampel stellt man dann doch häufiger fest, dass man den falschen Gang gewählt hat, kann aber noch umschalten obwohl man noch/schon praktisch steht. Auch beim Durchfahren von schwierigem Geländer wie aufgeweichten Feldwegen ist die Nabenschaltung überlegen, da sie auch hier beim plötzlichen Stopp wegen Einsinken ein sofortiges Schalten in den kleinsten Gang und damit ein Weiterkommen noch ermöglicht. Kettenschaltung: keine Chance.

Das Übersetzungsspektrum ist bei der Speedhub hervorragend. In der Praxis hab ich einen wunderschönen kleinen Berggang, so dass ich auch mit Anhänger überall hochkomme und einen GibGas-Gang. Meine Kettenübersetzung ist 46/15, d.h. vorne 46 Zähne, hinten 15. Das führt zu einem Entfaltungsspektrum von 1,91 m bis 10,05 m (Entfaltung bedeutet "Gefahrene Meter je ganzer Kurbelumdrehung"). Im 14 Gang lässt sich Tempo 45 locker halten (wenn Wind und Beine mithalten ...:-) ). Das ist der klare Vorteil gegenüber allen anderen Nabenschaltungen, die mit ihrem geringeren Spektrum einfach nicht die notwendige Gangvielzahl bieten können, um in jeder Situation den richtigen Gang zu haben.

Gewicht

Im optimalen Fall ist die Speedhub vielleicht kaum schwerer als eine normale Kettenschaltung. Bei mir sieht es so aus, dass außer acht der neuen Ritzel der Kassette, die zwei kleinen Kettenblätter und der eine Schalthebel kein Teil entfallen ist. Da die Nabe an sich ziemlich schwer ist, ist klar, dass es hier kein Gewicht zu sparen gab. Punktabzug für die Speedhub. Auf der anderen Seite ist die Speedhub auch nicht übermäßig schwer. Das zusätzliche Gewicht hab ich locker durch einen Wechsel der Bereifung gespart: keine 37er Marathon XL mehr, sondern ein 28er Marathon Racer, spart mal gleich fast ein Kilogramm... :-) Die Gewichtsverteilung ist natürlich auch eine andere, viel Hinterradlastiger, aber das ist mir egal.

Fazit:

An einem stark belasteten und viel gefahrenen Rad, soweit es kein Rennrad ist, ist die Speedhub die erste Wahl. Belastbar, wartungsarm und komfortabel bei vergleichbarer Gangvielfalt sprechen einfach für die Speedhub. Der Preis spricht allerdings dagegen, das muss man sich einfach leisten können (klingt vielleicht arrogant, ist aber so). Da der Wert von Geld und damit die Höhe von Preisen der individuellen subjektiven Wahrnehmen unterliegt, muss das jeder mit sich selbst ausmachen. Das ganze rechnet sich vielleicht ab 50.000 km, wobei man die Speedhub sicher von Rad zu Rad mitnehmen kann. Solange sie nicht geklaut wird, was definitiv ein Damoklesschwert über dem Haupte des Eigners ist. Wichtig deshalb, sich nicht nur zu überlegen, ob man sich die Speedhub in der Anschaffung leisten kann, sondern ob man sich ggf. auch den Verlust leisten kann.